Wenn ich morgens die Vorhänge aufziehe, fällt das Licht zuerst auf die senfgelbe Wand hinter dem Sofa, dann auf das Braun des alten Wandregals und erst danach auf mich, meist noch im Bademantel und mit einer Tasse Kaffee in der Hand. Mein Wohnzimmer sieht aus, als hätte es die letzten fünfzig Jahre kaum bemerkt, dass draußen die Zeit weitergegangen ist. Das war nicht immer so. Als ich vor über zwanzig Jahren in dieses Haus zog, waren die Wände strahlend weiß, wie in jeder zweiten Mietwohnung, und ich habe mich zwei Jahre lang gefragt, warum ich mich hier nie richtig wohlfühlte.
Wie alles anfing
Der Anstoß kam von einem Stapel alter Wohnzeitschriften, die ich auf einem Flohmarkt in Fulda für zwei Euro gekauft hatte, eigentlich wegen der Werbeanzeigen für Emaille-Töpfe. Zwischen den Seiten fand ich ein Foto von einem Wohnzimmer in Senfgelb und Braun, mit einem runden Teppich und einer Hängeleuchte aus Messing, und irgendetwas in mir sagte sofort: genau das. Ich fuhr am nächsten Tag zum Baumarkt, kaufte eine Probe Senfgelb, strich ein Stück Wand hinter dem Sofa und wusste noch am selben Abend, dass die weißen Zeiten hier vorbei waren.
Der Fehler mit zu viel Orange
Was ich falsch gemacht habe, war die Reihenfolge. Ich habe erst das Sofa in Orange bezogen, dann orange Vorhänge genäht und schließlich noch einen orangen Teppich dazugelegt, alles innerhalb von zwei Wochen, aus lauter Begeisterung. Meine Nachbarin stand eines Abends in der Tür, sah sich um und sagte nur: „Klaudy, das sieht aus wie im Inneren einer Mandarine.“ Sie hatte recht. Ich habe den Teppich wieder verkauft und die Vorhänge gegen einen ruhigeren Ton in Creme getauscht. Seitdem weiß ich: Orange braucht Platz um sich herum, sonst frisst es den ganzen Raum auf, und einen selbst mit.
Was ich behalten habe
Das Wandregal aus Teakholz ist geblieben, ebenso die Hängeleuchte aus Messing mit dem opalweißen Schirm, die ich mir nach dem Vorbild aus der alten Zeitschrift gesucht habe. Auch eine kleine Keramikschale, ursprünglich wohl ein Aschenbecher, steht heute auf dem Couchtisch und sammelt Schlüssel statt Zigaretten. Diese drei Stücke tragen fast das ganze Siebziger-Gefühl im Raum, ohne dass ich noch mehr Farbe oder Muster brauche. Wenn ein einzelnes Stück genug Geschichte erzählt, muss nicht jede Fläche im Zimmer mitreden.
Wie ich das Verhältnis heute austariere
Meine Faustregel: zwei ruhige Farben als Basis, eine kräftige als Akzent. Bei mir sind das Creme und Holzbraun als Grundton, Senfgelb bleibt auf einer Wand, und Orange darf nur noch in kleinen Dosen vorkommen, etwa in einem Kissen oder einer Vase. So wirkt der Raum warm und gemütlich, aber niemand muss beim Betreten blinzeln.



